Gesundheitswirtschaft: Hinter der weißen Fassade

von Marion Prettin, Hamburg

Das Geschäft mit der Zahnverschönerung boomt. Ärzte wollen mit Service und Wellness-Angeboten Kunden gewinnen.


Eine Rundumsanierung des Gebisses kann bis zu 50.000 Euro kosten. Hier wird ein künstliches Gebiss bearbeitet.

Das Bohren überlassen sie anderen. Sie bleichen, implantieren oder verblenden Zähne. Ihr Geschäft ist die Schönheit. Eine wachsende Zahl von Zahnärzten spezialisiert sich auf ästhetische Zahnkorrekturen. Ein lukrativer Sektor: Branchenkenner schätzen, dass sich in Deutschland der Umsatz im zahnästhetischen Bereich in den vergangenen fünf Jahren etwa verdoppelt hat.

Allein für vollkeramische Füllungen, Kronen, Brücken und Verblendschalen wurden 2004 mehr als 2 Mrd. Euro ausgegeben. Die Investition in ein ebenmäßiges Gebiss müssen die Kunden meist aus eigener Tasche zahlen. Gesetzliche Krankenkassen kommen in der Regel nur für medizinisch notwendige Behandlungen auf.

"Das Bedürfnis nach Zahnverschönerung steigt weiter", prophezeit Diether Reusch von der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Zahnheilkunde. Private Zahnkliniken und Praxen mit dem Schwerpunkt Zahnästhetik würden derzeit nur so aus dem Boden sprießen. Besonderer Beliebtheit erfreut sich das Bleichen der Zähne.

Während es in Deutschland vor zehn Jahren nur drei private Zahnkliniken gab, sind es nach Angaben der Deutschen Stiftung für Gesundheitsinformation (DSGI) inzwischen bereits rund 20. Sie teilen sich den Markt für Gebissverschönerung mit rund 1000 spezialisierten Zahnarztpraxen. DSGI-Berater Heiner Kirchkamp geht davon aus, dass gegenwärtig etwa 1000 weitere Zahnmediziner erwägen, sich mit ihrer Praxis in diese Richtung zu entwickeln oder eine Privatklinik zu gründen.

Kombination von Qualität mit Service


Die schmerzfreie Behandlung von Karies mit einer Ozonsonde wird an einem Gebissmodell demonstriert

Gut beraten sind nach Meinung von Experten diejenigen Zahnmediziner, die Qualität mit Service kombinieren. Ein Blumenstrauß nach kostenintensiver Zahnbehandlung oder die Geburtstagskarte seien heute fast Standard, sagt Lutz Hofmann von der Beratungsfirma Praxisplus in Essen.

Immer häufiger setzten die Dentisten auch weit exklusivere Ideen um. Beispielsweise böten einige Praxen statt des Wartezimmers eine Designer-Lounge mit trendigen Sitzmöbeln und Internetanschluss. Zunehmend verschwinde auch die herkömmliche Rezeption und mache Platz für eine hotelähnliche Lobby. "Die sterile Praxis hat ausgedient. Menschen haben Angst vor dem Zahnarzt, deshalb muss der Besuch ein Erlebnis sein", sagt Hofmann.

Als Paradebeispiel für Kundennähe gelten in der Branche Privatpraxen wie die von Gernot Mörig in Düsseldorf. Dort werden die individuellen Vorlieben in einem Vorgespräch ermittelt. Mit einem Verwöhnprogramm geht es weiter: Zwischen den Behandlungen legt der Zahnarzt seinen Kunden warme Tücher mit persönlichem Lieblingsduft auf das Gesicht. Musik beschallt den Raum, Magazine liegen bereit, und sämtliches Werkzeug ist aus dem Blickfeld verschwunden. Stattdessen sollen warme Töne und gemütliches Interieur zum Entspannen anregen. In den Behandlungspausen dürfe seine Kunden nichts mehr an eine Zahnarztpraxis erinnern, sagt Mörig. Seine Mitarbeiter werden einmal im Jahr von Psychologen im richtigen Umgang mit der Kundschaft geschult. "Nur weil wir uns immer wieder fragen, was unser Kunde wünscht, können wir ihn zufrieden stellen."

Spezialisierung auf Zeitnot

Auf die Zeitnot von Managern und anderen Führungskräften haben sich vor allem private Zahnkliniken spezialisiert. Die Klinik Königshof in Nürnberg zum Beispiel bietet eine "Rundumsanierung" an nur einem Wochenende. Bis zu 50.000 Euro könne es kosten, wenn das ganze Gebiss auf Vordermann gebracht werden müsse, einschließlich der Implantate, sagte ein Sprecher der Klinik.

Wie Zahnärzte anderswo um die Gunst der Patienten buhlen, zeigt ein Trend aus den USA: Die Zahnarztpraxis als Wellnessoase. Der so genannte "Spa-Dentist" behandelt nicht mehr nur Zähne, sondern auch das Gesicht, er massiert Füße und Nacken, bietet Pedi- und Maniküre. Wer will, kann sich in einigen Praxen sogar Botox gegen Falten spritzen lassen.

Dass eine Zahnarztbehandlung fast ein Ferienerlebnis sein kann, versucht der hawaiianische Zahnarzt Wynn Okuda glaubhaft zu machen. Er wirbt für "Lächel-Urlaub" in Honolulu, bei dem ein Implantat für 1000 $ eingepflanzt wird, Begleitung an den Strand und zum Sightseeing, Limousinenservice und Ganzkörpermassage inklusive.


Karstadt: Kaufhausarzt

Zweiter Stock der Karstadt-Filiale in Bremen. Wo heute noch Regale mit Herrenhemden neben Ständern mit Abendgarderobe stehen, soll ab Mai 2005 ein deutschlandweit einmaliges Projekt starten: die Zahnarztpraxis im Kaufhaus. Der Blick ins Ausland lässt allerdings Zweifel an den Erfolgsaussichten dieses Vorhabens aufkommen.

Praxen in großen US-Kaufhäusern wie Macy’s oder Sears haben nicht lange überlebt, sagt ein Sprecher der American Dental Association. Grund dafür sei, dass die "besondere Patienten-Arzt-Beziehung nach einer vertrauten Atmosphäre in geeigneter Umgebung verlangt. Die Patienten wollen sich mit Zahnschmerzen nicht erst durch ein überfülltes Kaufhaus wühlen." Auch das Projekt des britischen Privatversicherers Bupa, Praxen in der Kaufhauskette Sainsbury’s zu etablieren, ist nach wenigen Monaten mangels Nachfrage eingestellt worden.

Die Betreiber der Praxis in der Karstadt-Filiale, die Firma Medi z, ist dennoch überzeugt von ihrer Idee. Das Unternehmen, das unter anderem von Bremer Zahnärzten finanziert wird, unterhält im Erdgeschoss der Filiale bereits eine Beratungsstelle zur Zahnbehandlung. Die Praxis will sich auf ästhetische Versorgung und Mundhygiene spezialisieren. "Wir machen lediglich das, was ins Kaufhaus passt" sagt Geschäftsführer Wolfgang Goetzke. Karstadt tritt als Vermieter der Räume auf und erhofft sich nach den Worten Goetzkes Umsatzzuwächse beim Verkauf zahnkosmetischer Produkte.


FTD, 16.02.2005
© 2005 Financial Times Deutschland, © Illustration: AP